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Big Island, ein Wiedersehen – Meine 2. Hawaii-Reise

Inhalt

Das Lava-Abenteuer ruft!

Mein Fernweh und auch die Begeisterung meines guten Freundes Nico und seiner Freundin Fela führen 2009 dazu, dass ich mich erneut ins Flugzeug setze. Inzwischen habe ich mich zuhause etwas besser informiert und lese viel über die hawaiianischen Vulkane und auch über Feuergöttin Pele, die dort nach wie vor ihr Unwesen treibt. Ihr frühes Zuhause war der über 3000 Meter hohe Haleakala-Krater auf Maui.

Mit einer Ausdehnung von 49 km² ist er der größte Vulkankrater der Erde.

Pele ist dort von ihrer Schwester Namaka, der Göttin des Wassers, vertrieben worden und lebt seitdem im Halemaumau-Krater auf Big Island.

Obwohl ich den Nationalpark schon oberflächlich kenne, bin ich voller Aufregung, als wir am Eingangsschild des Parks vorbeifahren. Wir nächtigen wieder im Volcano Hale und bekommen dort von einem Pärchen den Tipp schlechthin. Innerhalb des Parks nach Lava zu suchen, hat derzeit keinen Sinn, erzählen sie uns. Da müssten wir schon nach Kalapana fahren, wo sich flüssige Lavaströme ins Meer ergießen. Auf einer kleinen Digicam zeigen sie uns ihre Erlebnisse der letzten Nacht. Ich sehe meinen Freunden Unbehagen an, bestehe aber darauf, nachts das kleine Fischerdorf aufzusuchen, um hoffentlich ähnliche Naturschauspiele zu erleben. So fahren wir gegen 3.00 Uhr früh Richtung Kalapana.

Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir das ehemalige Fischerdorf, dass Anfang der neunziger Jahre fast vollständig der Lava zum Opfer gefallen ist. Wir parken am Ende der Straße, die auch hier unter Pele´s Eruptionen verschüttet wurde. Es ist stockdunkel und es regnet. Trotzdem machen wir uns mit Taschenlampen auf den Weg und können im Dunst die roten Rauchsäulen der “Ocean Entries” erkennen.

An den Ocean Entries ergießt sich flüssiges Magma aus der unterirdischen Lavaröhre ins Meer.

Dabei entsteht eine bombastische Rauchsäule und es kommt immer wieder zu kleinen Explosionen, wenn Meereswasser in die Lavaröhren fließt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, begegnet uns auf dem Lavafeld ein kleiner weißer Hund. Wir haben Sorge, er könne einem Ranger gehören, der nachts seine Runden dreht, um abenteuerlustige Touristen zu vertreiben.

Der Hund bleibt allerdings allein und verschwindet nach kürzester Zeit aus den Kegeln unserer Taschenlampen und streunt mutterseelenallein über die schwarzen Lavafelder, bis ihn die Dunkelheit verschluckt. Aufgeregt laufen wir weiter Richtung Rauchsäule, die alte Lava knirscht unter unseren Füßen. Zwischen den erkalteten Lavabrocken hat sich Vulkanasche angesammelt. Man läuft wie auf rohen Eiern und wir bekommen leichte Panik, wissen wir doch nicht, wo sich das unterirdische Kanalsystem befindet. Das macht die ganze Sache sehr unbehaglich.

Etwa 300 Meter vor uns ergießt sich die flüssige Lava zischend in den Pazifik. Wir entschließen uns, nicht näher heranzugehen und lieber zum nächsten Ocean Entry weiterzulaufen, der uns wegen der kleineren Rauchsäule sympathischer erscheint. Weit entfernte Lichter in der Dunkelheit lassen ein weiteres Dorf an der Küste vermuten. Wie sich bei Tageslicht einige Stunden später allerdings herausstellt, waren das kleine Lava-Ausbrüche an der Oberfläche. Der Regen lässt nach und es klart auf. Es wird auch langsam heller und wir fühlen uns etwas sicherer. Als die Sonne aufgeht, färbt sich die alte Lava golden im Sonnenlicht.

Ein fantastischer Anblick.

Nico hat an Würstchen gedacht und so legen wir unser Frühstück in eine heiße Lavaspalte, um morgens um halb 7 verkohlte Hot Dogs am Lavafluss zu uns zu nehmen. 🙂 Ich schieße unzählige Fotos und entdecke unweit der Klippen etwas schimmerndes zwischen den Lavabrocken. Es fühlt sich an wie Metallspan, besteht aber aus dünnen Fäden vulkanischen Glases, die bei basaltischen Vulkanausbrüchen aus Lava entstehen. Vom Winde verweht und langgezogen erinnern die Fäden an menschliches Haar, weshalb sie nach Pele benannt sind. Ich fühle mich der Göttin sehr nah, meine Mitstreiter können meinen Enthusiasmus nur halbwegs teilen.

Zu gerne hätte ich noch die kleinen Ausbrüche an der Oberfläche gesehen, die bei zunehmendem Licht aber schwer zu finden sind. Wir orientieren uns an den Hubschraubern, die Touristen über aktive Lavafelder fliegen.

Das Lavafeld ist allerdings mit 140 km² so groß, dass die Suche nach Lava zu Fuß erschwert wird. Am Hitzeflimmern und kleinen Rauchsäulen, die aus dem Lavafeld aufsteigen, kann man die unterirdische Lava-Tube erahnen. Als uns aber schließlich die aufsteigende Schwefelsäure in Augen und Nase juckt, drehen wir um. Von diesen giftigen Dämpfen sollte man nicht zu viel einatmen. Inzwischen steht die Sonne recht hoch am Himmel und wir sehen erst jetzt das Ausmaß dieses riesigen Lavafeldes.

Nur schwarz um uns herum, mit einzelnen Farnen oder Ohia-Bäumen, die sich ihren Platz in den Spalten der Lava gesucht haben. Die Palmen und der Regenwald von dem wir gekommen waren, sehen überall gleich aus. Wo wir unser Auto abgestellt haben weiß keiner mehr so genau. So irren wir einige Stunden in der schwarzen Einöde umher, ohne genau zu wissen, wohin uns unser Weg führt. Als wir endlich ankommen, macht sich Erschöpfung breit und wir streiten uns um die Beifahrerplätze.

Wir haben eine lange Fahrt vor uns. An einem Souvenirladen kauft sich Fela ein Sagenbuch über Pele. Sie liest uns einen Absatz vor, der uns alle erschaudern lässt: Feuergöttin Pele erscheint als alte Frau, nimmt aber in der Nähe des Kraters die Gestalt eines jungen Mädchens an. Begleitet wird sie dabei von einem kleinen weißen Hund…

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Eine Nacht im Hochsitz – Kona Side

Mit Martin, Nico und Fela übernachte ich 2010 mitten im Dschungel von Big Island. Eine Bekannte von Martin hat sich dort ihr eigenes Paradies geschaffen. Umgeben von bunten und üppig behangenen Obstbäumen, deren Ernte sie auf dem Wochenmarkt von Kona verkauft, steht dort ein runder Holzpavillon, inklusive Küche, Schlafzimmer, TV-Ecke und WLAN.

Über matschige Straßen erreichen wir die Hippie-Kommune in der Abenddämmerung. Die Stimmung ist wegen des Nieselregens etwas getrübt. Auch sonst scheint so einiges unheimlich. So beispielsweise ein Rastafari, der sich den kompletten Abend mit einem großen Stock in Y-Form am Rücken kratzt. Ob zu viel Marihuana Juckreiz auslösen kann?

Wir haben trotzdem einen ulkigen Abend und schlafen in einem übergroßen Hochsitz. Dort oben stehen 3 schäbige Matratzen, alle Seiten sind geöffnet. Gut schlafen ist anders. Der nächste Morgen ist allerdings atemberaubend. Die Morgensonne taucht die grüne Vegetation in ein magisches Licht. Am Vormittag schlendern wir durch Kailua-Kona, besichtigen den kleinen Hafen, welcher jährlich im Herbst Austragungsort des Ironman ist und gönnen uns ein Mittagessen im Biergarten der Kona-Brewery.

Und so endete meine zweite Reise nach Big Island und ein weiteres Inselhopping nach Kauai lag vor mir. Der Kalalau Trail forderte mich dabei besonders und meine Erfahrungen möchte ich gerne mit euch teilen.

Auf nach Kauai – Der Kalalau Trail

Die Garteninsel beherbergt mit dem Kalalau Trail einen der härtesten, aber auch schönsten Trekkingpfade der Welt. Berühmt-berüchtigt scheint der zu sein. Mein armer Vater sitzt zuhause und begleitet mich bei Google Earth. Als erfahrener Wanderer wird ihm beim Anblick der engen und steilen Pfade ganz schlecht und er macht sich große Sorgen. Diese Information erhalte ich allerdings erst hinterher. Vermutlich hätte ich mich sonst nicht auf den Weg gemacht. Ängste und Nöte, aber auch jede Menge magische Erlebnisse erwarten mich und meine Freunde an der sagenhaften Na Pali Coast.

Bei jedem Besuch der Nordküste einige Jahre später, gehe ich das erste Stückchen des Trails und begegne dort immer wieder abenteuerlustigen Wanderern. So nehme ich eines Tages ein trampendes Pärchen vom Haena Beach Park mit zum Start des Trails. An ihren großen Rucksäcken erkenne ich gleich, dass sie am nächsten Morgen den Kalalau Trail laufen werden. „Is it tough?“ fragt mich das Mädchen verunsichert und ich grinse in mich hinein. „It is“ antworte ich. Ich steige eine halbe Meile hoch und setze mich mit kaltem Budweiser in die Abendsonne. Da ist sie wieder… meine geliebte Na Pali Coast zum Sonnenuntergang. Immer wieder kommen mir erschöpfte, verschwitzte und verschlammte Kalalau-Wanderer auf ihrem Rückweg entgegen. Alle stellen mir dabei die gleiche Frage: „How long is it to the start?“ Mein “Only 40 minutes” beruhigt sie nicht ansatzweise. Am Ende ist jede Minute zu viel. Das erste, was nach diesem Trail zählt, ist eine verdammt lange Dusche, ein gutes Essen und eine ordentliche Matratze.

Unsere Vorbereitung

So starten Martin, Dana, Nico, Fela, Mike und ich im April 2009 zu einer 5-tägigen Tour ins Paradies. Uns erwarten 11 Meilen an der Küste entlang, durch unberührte Natur und steile, ungesicherte Felswände. Kein Handy-Empfang, keine Dusche (aber zahlreiche Wasserfälle), kein richtiges Bett, kein Strom. Keine Musik, kein Alkohol, nur begrenzte Nahrung und Wasser aus den zahlreichen Flüssen entlang des Trails. Jeder von uns mit einem Rucksack bestückt, über 10 kg. Was kommt in diesen Rucksack? Zelt, Schlafsack, Regenjacke, Gaskocher, Taschenlampe, Taschenmesser, Kamera, Sonnenmilch, Kleidung zum Wechseln, Essen für 5 Tage. Außerdem Entkeimungstabletten. Ausreichend Flüssigkeit für eine knappe Woche mitzunehmen ist unmöglich. Das von Bergziegen verseuchte Wasser wird aus Flüssen oder Wasserfällen gezapft, mit Tabletten gereinigt und mit Himbeer-Brausepulver veredelt. Schmeckt sonst doch sehr nach Chemie. Warm sowieso. Und warm ist es auf diesem Wanderweg allemal. Klingt hart. Ist es auch. Aber machbar.

Auf dem Kalalau lernt man fürs Leben. Wer diesen Trail bewältigt, bewältigt den Rest seines Daseins.

Die Entschädigung der Strapazen ist unberührte Natur, ein Traumstrand, ja sogar ein Wasserfall, der mit frischem Bergwasser als Dusche benutzt wird. Man trifft dort vereinzelt Kleinkriminelle, Hippies und Kiffer, die mehrere Wochen oder Monate in diesem Tal leben. Allesamt aber mehr als friedlich, hilfsbereit und alles andere als kriminell. Vor der Polizei sind sie im Kalalau Valley sicher.

Der Abend davor erscheint äußerst ernüchternd. Eine letzte Übernachtung im Zelt am traumhaften Haena Beach. Ein letztes Sandwich, ein letztes Bier, die Bettgehzeit wird von Martin auf 21.00 Uhr festgesetzt. Weiß er doch, wovon er redet. Er ist den Weg schon zweimal gegangen.

Kalalau Trail – Wir starten!

Der nächste Morgen ist traumhaft. Ich wache vor Aufregung schon um 5.00 Uhr auf und genieße den bunten Sonnenaufgang. Langsam kriechen auch meine Freunde aus ihren Zelten. Wir packen zusammen und fahren an den wenige Meilen entfernten Kee Beach, an dem unsere Tour morgens um halb 7 startet. Die Nervosität steigt. Sind wir fit genug? Sind die Wanderstiefel gut eingelaufen? Wie wird das Wetter? Bei den fast täglich vorkommenden starken Regenschauern verwandelt sich der Boden in Matsch, kleine Flüsschen wachsen innerhalb von Minuten zu reißenden braungefärbten Strömen an. Die Inselbewohner reden dann von “flush flood”.

Der Weg geht von Anfang an steil bergauf und ähnelt aufgrund der vielen Steine und Felsbrocken eher einer Geröllhalde als einem gemütlichen Wanderweg. Der Rucksack ist extrem schwer. Ich ziehe den Bauchgurt an und das Gewicht hängt auf den Hüften. Trotzdem machen sich nach der ersten Viertelstunde bereits Ermüdungserscheinungen breit. Der Schweiß fließt in Strömen. Die feuchte Morgenhitze zwingt uns ständig zu kurzen Pausen, um Flüssigkeit nachzuschütten. Uns überholt ein durchtrainierter Hippie mit nacktem Oberkörper, Surfbrett in der einen Hand, Wasserflasche in der anderen. Keine Klamotten zum Wechseln, kein Zelt, kein Essen. Nur mit Flip-Flops an den Füßen meistert er den Weg in einem Tempo, als wäre er auf der Flucht.

Nach der ersten halben Meile dann endlich eine kleine Belohnung. Man hat einen wunderbaren Ausblick über Kee Beach, der unter uns in der Sonne strahlt. Die Lagune mit türkisem Wasser ist atemberaubend. Nach 2 Stunden und einem beschwerlichen Abstieg ist dann endlich die erste Etappe geschafft: Hanakapiai Beach. Dieser Strand gehört zweifelsohne zu den schönsten und einsamsten Stränden der Hawaii-Inseln. Er ist aber aufgrund der Wellen und tückischen Unterströmungen extrem gefährlich. Ein Holzschild weist auf die jährlich steigende Anzahl an Todesopfern hin. Wir zapfen im Hanakapiai Stream frisches Wasser und essen eine Kleinigkeit. Wie ich das gut Vierfache des bisher zurückgelegten Weges noch schaffen soll ist mir ein Rätsel. Doch Martin treibt uns weiter an, wir haben einen engen Zeitplan.

Der Weg führt uns immer wieder bergauf und bergab durch grüne Täler und kleine Flüsschen. Anderen Wanderern begegnet man hier nur noch sehr selten, da der Rest des Weges nur mit einer Erlaubnis des Staates Hawaii gegangen werden darf. Gegen 13.00 Uhr erreichen wir dann Hanakoa Valley. Ab dort beginnt dann die große Herausforderung der Tour. Der Pfad wird immer schmaler und steiniger, nicht einmal 50 cm trennen uns von den Klippen, die fast senkrecht zum Meer abfallen. Wilde Bergziegen kreuzen unseren Weg. Eine große Felsnadel weiter dann die Stelle des Weges, die mir den Atem stocken lässt. Eine kurzer Teil des Trails ohne Büsche, ohne Gestrüpp, nur Stein und rutschiger Schotter. Wir müssen also ungesichert mitten durch die Felswand, die eine Neigung von 50 Grad aufweist. Ich bin völlig erledigt und bekomme eine kleine Panikattacke. Meine Knie zittern, der Angstschweiß läuft mir in die Augen, ich habe Sorge, mein schwerer Rucksack könne mich beim leichtesten Windstoß in den Abgrund reißen.

Ich denke schon ans Umdrehen, da kommt Martin zurück und hilft mir durch “The balcony”, wie der schwierigste Teil des Trails genannt wird, um mich wohlbehalten zu den anderen zu bringen. Noch Jahre später habe ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, als wir auf unserer Hochzeitsreise eine Bootstour an der Na Pali Coast unternehmen und ich diese Stelle aus sicherer Entfernung sofort wiedererkenne. Ein weiterer Abstieg, ein weiterer Aufstieg und ich bin mit meinen Kräften am Ende. Ich sacke in mich zusammen und wache erst einige Minuten später mit einem nassen T-Shirt auf der Stirn wieder auf. Trotzdem haben wir noch 4 Meilen vor uns, die ich mehr schlecht als recht meistere.

Sonnenuntergang am Kalalau Beach

Vom Red Hill dann nur noch eine Meile bis Kalalau Beach, den wir sehnsuchtsvoll wie eine Fata Morgana in der Abendsonne glitzern sehen. Ein letzter Abstieg durch den Wald, ein letzter Fluss, der zu überqueren ist und wir erreichen das Paradies, das uns wie ein Garten Eden empfängt. Bunte Blumen, weißer feiner Sand, grünbewucherte Felswände, völlige Isolation. Kalalau Beach liegt unberührt und fast majestätisch im Tal, Wellen rollen seelenruhig heran. Hinter dem Strand ragen scharfkantige Klippen empor und verlieren sich in den Wolken über uns. Ein Anblick wie aus einem Science-Fiction-Film. Der Flip-Flop-Hippie ist längst da und surft in der Abendsonne. Ich schaffe noch ein Foto, dann sinke ich pünktlich zum Sonnenuntergang um halb 7 in einen 12-stündigen Schlaf. Ohne Essen, welches ich bitter nötig gehabt hätte. Das Zelt haben meine Freunde liebenswerterweise um mich herum gebaut.

Am nächsten Morgen wache ich zum Sonnenaufgang auf und muss mich erst sammeln, bevor ich realisiere, wo ich bin. Mein ganzer Körper fühlt sich gebrochen an. Schultern, Rücken, Beine und Füße haben es am schlimmsten erwischt. Unseren Sonnenbrand pflegen wir mit dem frischen Saft aus den Blättern der Aloe-Vera-Pflanze. Ich setze mich unter den Wasserfall an der Felswand und genieße die kalte, klare Dusche.

Zwei volle Tage leben wir im tropischen Paradies, essen mit Genuss unser Tütenfutter, welches mit abgekochtem Wasser zu einer halbwegs leckeren Mahlzeit wird.

Mike hat in seinem Gepäck eine Flasche Whiskey mitgetragen. Die Enttäuschung ist jedem anzusehen. Ob er nicht einen Kasten Bier hätte mitnehmen können? So wird der Whiskey wenigstens unter unserem Wasserfall kaltgestellt und kurzerhand Limetten aus dem Urwald gesammelt. Abends haben wir dann Whiskey Sour. Not macht erfinderisch.

Die Sonne brennt am nächsten Tag ununterbrochen, so verbringen wir die meiste Zeit im oder unter Wasser, im Schatten der Klippen oder in nahe gelegenen Höhlen. Die Schmerzen in meinen Gelenken und Sehnen sind auch am zweiten Tag noch nicht verschwunden und ich rätsel erneut, wie ich den Rückweg schaffen soll. Am frühen Abend überrascht uns eine recht surreale Situation, die unsere paradiesische Isolation stört. Draußen in den Wellen hält ein Boot mit einigen Jugendlichen, die große schwarze Müll-Säcke in die Wellen werfen. Sind das Umweltsünder im großen Stil? Die Säcke werden langsam Richtung Strand gespült, wir können immer noch nicht erkennen, was sich darin verbirgt. Als die Bootsbesatzung sich durch die Wellen gekämpft hat, um die Säcke an Land zu ziehen, trauen wir unseren Augen kaum. In den mit Luft gefüllten Säcken befinden sich große Musikboxen, Notstrom-Aggregate und ein DJ-Pult. Strandpartys hin oder her. Aber muss laute Techno-Musik im Garten Eden sein? Der Anführer der Gang stellt sich außerdem als arroganter, muskelbepackter Riese heraus. Diesem unpassenden Partyspaß bleiben wir fern und hören dank der hohen Klippen nichts vom Strandabschnitt der Techno-Jünger.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, sind sie längst verschwunden. Pünktlich zu unserem Aufbruch öffnet Petrus seine Schleusen. Innerhalb von 10 Minuten sind wir nass bis auf die Haut. Den Red Hill zu erklimmen, funktioniert wegen des rutschigen roten Lehms nur auf allen Vieren. Dementsprechend schlammig sehen wir nach kürzester Zeit aus. Faszinierend aber, wie schnell sich ein Körper an solche Strapazen gewöhnt. Beglückend, die eigene Kraft und Ausdauer zu spüren. Eine eingelegte Pause wird mir sogar zu lang und ich gehe alleine weiter, mit großer Angst, im “Balcony” wieder einer Panikattacke zu verfallen.

Aber je länger und schneller ich marschiere, umso geringer wird die Angst. Nachdem ich zwei Stunden alleine unterwegs bin, beschließe ich, auf meine Freunde zu warten und hoffe auf moralische Unterstützung. Grinsend erreichen sie mich mit den Worten “Du lebst ja noch.” Seltsam. Hat man “The balcony” einmal überwunden, scheint die Stelle auf dem Rückweg gar nicht mehr zu existieren.

Es regnet ununterbrochen, trotzdem marschieren wir mit bester Laune durch den schlammigen Urwald. Die kleinen Flüsse sind inzwischen zu brusthohen Strömen angewachsen, so bilden wir eine Kette, damit beim Durchqueren niemand weggespült wird. Der Anblick des Flusses nach dem nächsten Aufstieg ist eine Wucht. Wie eine riesige rote Schlange bahnt er sich seinen Weg durch grüne üppige Vegetation.

Den Rückweg meistern wir in 2 Etappen und erreichen unser Nachtquartier im Hanakoa Valley. Unser Zelt passt genau zwischen zwei Bäume. An Schlaf ist eigentlich nicht zu denken. Schlafsack, Jacken und Pullis sind durchnässt, unter dem Zeltboden große Wurzeln und Steine und vermutlich noch Wildschweine, die auf der Suche nach Nahrung um unser Lager schleichen. Unsere restlichen Essensvorräte verstauen wir daher hoch im Baum. Am nächsten Morgen finde ich in meiner durchnässten Jacke eine längst vergessene letzte aufgeweichte Schachtel Zigaretten. Besonders Nico kann sein Glück kaum fassen. 10 Zigaretten. 5 Raucher. Ein halber Tag.  Durchaus überschaubar. Ich kalkuliere kurz und muss meinem Freund schweren Herzens klarmachen, dass ihm für die nächsten Stunden nur 2 zustehen. Ihm egal. Er raucht seinen Vorrat direkt hintereinander weg. Wir setzen beflügelt unseren Weg fort, mit der Aussicht auf eine verdammt lange Dusche, ein gutes Essen und eine ordentliche Matratze.

Kurz vor Ende kommt dann auch endlich die Sonne wieder raus und es wimmelt vor Menschen. Obwohl wir nur recht kurz in der Abgeschiedenheit unterwegs waren, erscheint uns diese Menschenansammlung gewöhnungsbedürftig. Mit unseren schweren Rucksäcken sind wir inzwischen schneller als die Tages-Besucher des Hanakapiai Beach mit ihrem lächerlichen Handgepäck. Voller Demut und Anerkennung nicken sie uns zu. “Weicheier” grinsen wir in uns hinein und sind stolz, über uns hinausgewachsen zu sein. Ein kurzer Blick zurück entlang der Küste. Das haben wir alles bewältigt. Ein heiliger Moment, der uns fast die Tränen in die Augen treibt. Bei einem vorbeikommenden Pärchen erkundige ich mich nach dem Rückweg. “How long is it to the start?” “Only 5 minutes” antworten sie mir.

Im US-Thriller “A perfect getaway” lasse ich zuhause mein Erlebnis Revue passieren und kann wegen der Schönheit des Kalalaus kaum glauben, dass ich ihn selbst gegangen bin.


Fotos (c) Florian Krauss

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